10 Kilometer, die ich an dir hasse?!

Kilometer 1

Du lässt mich in dem Glauben, dass alles ganz “easy” sei. Motiviert von der Startsituation, dem Publikum am Wegesrand und der eigenen guten Laune, bremst du mich nicht ab, sondern treibst mich in die wahnsinnige Geschwindigkeit.

Kilometer 2

Statt mir nun mitzuteilen, dass noch nicht einmal ein Drittel des Rennens um sei und ich vielleicht das Tempo etwas drosseln könnte, erwartest du von mir Höchstleistungen – auch wenn ich schon schnaufe wie ein Elefant.

Kilometer 3

Auch dein toller Ausblick auf den Jadebusen, Sonne und sogar etwas Rückenwind machen dich nicht unbedingt zu einem tollen Kilometer. Ich merke die Erschöpfung, werde etwas langsamer und wünsche mir sehnlichst das Ziel herbei.

Kilometer 4

Der Warum-mach-ich-das-alles Kilometer. Du stellst mir Fragen nach dem Sinn des Ganzen, des Laufens, des Lebens. Lass mich in Ruhe, ich will nicht nachdenken!

Kilometer 5

Von dir hätte ich mehr erwartet; schließlich solltest du mir Hoffnung geben. Hoffnung auf ein Ende des Rennens, denn wenn ich dich bewältige, dann hab ich die Hälfte geschafft. Aber nein, was machst du? Quälst mich weiter…

Kilometer 6

Der zweitschlimmste Kilometer meines Lebens. Nicht nur, dass es bei dir schrecklich bergauf geht, nein – du bist gnadenlos und ärgerst mich mit Gegenwind.

Kilometer 7

Der schlimmste Kilometer meines Lebens. Mit aller Macht setzt du alles daran, dass ich dich nicht bezwingen kann. Schickst orkanartige Stürme frontal auf mich, so dass mir fast die Luft weg bleibt. Fast – aber nur fast – hättest du es geschafft und mich zur Aufgabe überredet.

Kilometer 8

Ein so unscheinbarer Kilometer, aber trotzdem hart und ungerecht. Lockst erst mit Rückenwind und Gefälle, aber sobald man die Himmelsrichtung wechselt, pustet es wieder kräftig von vorn. Wieso gibt es dich überhaupt? Kann man dich nicht streichen?

Kilometer 9

Du bist gemein! Lässt im Hintergrund schon Musik, Getrommel und Jubel vom Ziel erklingen, so dass man, danach lechzend, jeden einzelnen deiner Meter zählt. 1000 sind es; das hätte ich dir auch vorher sagen können…

Kilometer 10

Du überraschst mich mit einer Zwischenstation nach 200 Metern. Hier kommt also die Musik her. Jemand ruft: “Nur noch 800 Meter bis zum Ziel!” Ich behaupte aber, dass Kilometer 10 länger als alle anderen Kilometer ist und deshalb fühlen sich die letzten 800 Meter eher wie 1500 an.

Und schließlich lockst du mit deiner Zielgeraden. Es ist zwar schön, wenn man am Ende das Zieltor sieht, aber warum schickst du nochmal kräftigen Gegenwind in meine Richtung? Habe ich nicht schon genug gelitten? Aus Wut auf dich sprinte ich die letzten Meter und tue so, als würde mir das alles nichts ausmachen! Du kriegst mich nicht kaputt…

Ich reiße die Arme nach oben, lächle und höre das Piepsen des Sensors an meinem Schuh. Geschafft!

Ein Blick auf die Uhr verrät: neue Bestzeit, 46:59 Minuten! Ich gehe weiter, schnappe nach Luft. Ein Mann notiert meine Startnummer in einer Liste; ein anderer Mann behauptet, ich wäre Dritte der Frauen insgesamt. Ich lächle ihn an, zumindest glaube ich, dass ich gelächelt habe. Vielleicht war es auch eher ein Nicken, Schnaufen und Prusten zugleich.

Ich freue mich, trinke Cola, esse Melone und nach etwa 5 Minuten kann ich auch wieder richtig denken. Ich bin Dritte geworden – insgesamt und belege zugleich den 1. Platz in meiner Altersklasse! Juhuu!

Vielleicht hasse ich euch, Kilometer 1 bis 10, doch nicht so sehr. Vielleicht habe ich ein wenig übertrieben und euch unrecht getan. Wir werden sicher nicht die besten Freunde werden, aber ich gebe euch noch eine weitere Chance… später!

11 thoughts on “10 Kilometer, die ich an dir hasse?!

  1. Heiho! Super-Bericht und noch „supereres“ Ergebnis! Darauf folgt natürlich ein Super-Glückwunsch!

    Die „Zehn“ ist einfach ein kleines – mit Verlaub – Ar…l
    und genau deshalb werden wir es immer und immer und immer wieder mit ihr aufnehmen wollen, dieser grausamen Schlüsseldistanz!

    Liebe Grüße nach Bremen.

  2. Ein wirklich schöner Bericht, gehasste 10 km und dann doch eine super Bestzeit und auch noch Siegerin in der Altersklasse, was will man mehr, Respekt!

    Übrigens – ich lese hier schon einige Zeit mit und werde es auch weiterhin gerne tun.🙂

  3. Hach das ist doch mal eine schöne Zusammenfassung eines schönen Volklaufes, aber zum Glück denke ich darüber nicht mehr so nach, sondern Quäle mich nur noch zwischen Kilometer 6 und 7 ein wenig, ansonsten ist abschalten ganz gut😉

  4. Vielen, vielen Dank an alle (und Willkommen auf meinem Blog, für alle die neu hier sind🙂 ) !!! Ich freue mich über die zahlreichen Kommentare…

    @Anna-Maria: Meine Mutter ist auf Platz 5 gelandet, ebenfalls mit einer tollen (Best)Zeit, wie ich finde (54 Minuten). Bin ich schon stolz, ne…

  5. Pingback: Nein! zum Post-Marathon-Blues « Jacqui's Jog Blog

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